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Chronik der Schulanlage am Gotzinger Platz

 
„In den Jahren 1905 – 1907 für die Stadt München entworfen und erbaut von Hans Grässel“. So steht es auf der Tafel an einem der Eingänge zur Schulanlage am Gotzinger Platz zu lesen.
Das im Jugendstil erbaute Schulgebäude zwischen Implerstraße und Großmarkthalle besteht seit 1907. Hier sind neben unserer Grundschule auch eine Kindertagesstätte, eine Hauptschule und die Maria-Probst-Realschule untergebracht.
 
Auf Veranlassung des Stadtschulrats und Reformpädagogen Dr. Georg Kerschensteiner entstand ab 1905 der „Neubau eines Doppelschulhauses auf dem Sendlinger Unterfeld“, einer freien Fläche am Ende des Feldwegs nach Sendling, dem Gotzinger Platz.  
 

      Die geplante Gotzinger Schule als Modell aus dem Architektenbüro Hans Grässels   

 
Hauptverantwortlicher Architekt war der städtische Baurat Hans Grässel, der mit einem Gesamtkostenaufwand von 835.000 Mark zwei parallel liegende Schulhäuser mit einem sie verbindenden Zwischentrakt erstellte.
 

        Bau des West- und Zwischentrakts auf dem Sendlinger Unterfeld

 
Am 8. Januar 1906 wurde der erste Teilbau eröffnet. Den 3-stöckigen Westflügel belegten nun die protestantische Volksschule mit 12 Klassen (getrennt nach Buben und Mädchen), die städtische Berufsschule für Schlosser und Schreiner, einige „Hilfsschulklassen“ und Klassen der „Sonntagsschule“. Am 4. September 1907 konnte auch der höhere Ostflügel mit Schulturm von einer katholischen Volksschule, einem Kindergarten und einem Tageshort bezogen werden. Zu den „erforderlichen Nebenräumen“ gehörten auch ein „Karzer“ (Arrestzimmer), ein Schulbad, eine Schulküche und außerdem eine Suppenküche für die ärmere Bevölkerung.
 

        Die Schule am Gotzinger Platz nach Fertigstellung: aus Nord-Ost-Richtung fotografiert

 
Das Bautagebuch hebt die besonderen Techniken und architektonischen Neuerungen hervor, die hierbei zum Teil erstmals verwendet wurden: schallgedämmte Decken, Klassenzimmer mit moderner Frischluftzufuhr und Gasbeleuchtung in allen Räumen.
Ein 42 Meter hoher Turm mit einer Doppelzwiebel überragte die gesamte bauliche Anlage. Die „elektrische Turmuhr neuer bestbewährter Konstruktion, 30 Stunden in einem Aufzug gehend“, kostete incl. Montage 1650 Reichsmark. Der Kunstmaler August Mayer gestaltete 1908 das Wandbild der Fassade an der (heutigen) Thalkirchner Straße. Es zeigt das Gebiet der Gotzinger Quellen am Fuße des Taubenbergs, die 1893 zur Wasserversorgung der Stadt München gefasst wurden.
 
 
 
 
Auch die Inneneinrichtung sollte höheren Ansprüchen genügen.
 
Das „Modell IV mit Pendelsitz“ entsprach den Erfordernissen eines mehr am Kind orientierten Unterrichts:
Der Schüler „soll in der Bank leicht und ungezwungen stehen können.“
 
 
 
 
 
Der 1. Weltkrieg 1914-18 brachte erhebliche Unruhe in den bis dahin reibungslos abgelaufenen Unterrichtsbetrieb. Da die benachbarte Schule an der Implerstraße als Lazarett verwendet wurde, mussten deren Klassen an die „Gotzinger“ verlegt werden. Daher fand nun Schichtunterricht statt: vormittags, nachmittags und auch an den Samstagen. Nach dem Krieg normalisierten sich die Schulverhältnisse langsam wieder. Ab 1919 wurde etappenweise auf elektrisches Licht umgestellt, 1922 erfolgte der Ausbau des Dachgeschoßes.
 
Die durch den 2. Weltkrieg verursachten Schäden waren stellenweise verheerend. Bei einem Luftangriff am 07.09.1943 schlugen 20 Brandbomben in den Speicher des Ostflügels ein. Weitere Fliegerangriffe im Juli 1944 zerstörten die Turmspitze und den südlichen Teil des 4. Stockwerks, der samt Dach den Flammen zum Opfer fiel. Aufgrund der äußerst soliden und robusten Bauweise der gesamten Schulanlage kam es jedoch kaum zu größeren Mauerschäden.
 
Die zerstörte Aula 1945...                                                   ...und nach der Renovierung 1957

                               
 
 
Trotz der zum Teil schweren Brandschäden konnte der Unterrichtsbetrieb in einigen Lehrsälen fünf Monate nach Kriegsende wieder aufgenommen werden. So begann der Unterricht bereits wieder am 01.10.1945 in acht noch brauchbaren Lehrsälen. Im folgenden Winter musste man in ungeheizten Zimmern sitzen und bei Frost stundenlang ausharren. Ein halbes Jahr später wurden sechs Öfen geliefert, die jeweils vor Unterrichtsbeginn zu beheizen waren. Die Kinder (aber auch das Lehrpersonal) brachten – sozusagen als Hausaufgabe – Holz und Kohlen von zu Hause mit. - Bis 1955 zog sich die vollständige Wiederherstellung des Gebäudes hin.
 
Mit der Neuorganisation des Schulwesens nach dem Krieg war die Volksschule nicht mehr nach Konfessionen getrennt, aber ab dem Schuljahr 1969/70 in eine Grundschule (1. und 2. Stock) und eine Hauptschule (3. und 4. Stock) aufgeteilt.
 
Mit Schuljahresbeginn 1974 zog die Maria-Probst-Realschule in die Räume der ehemaligen Berufsschule im Westflügel ein. 1975 erhielt sie eine eigene, nach modernen Grundsätzen erbaute Sporthalle mit 2 Turnsälen. Durch diesen Neubau musste auch der Schulhof stark verkleinert und neu angelegt werden.

 
 
Der Münchner Schriftsteller Sigi Sommer gehörte von 1920 bis 1928 zu den „Gotzinger Schülern“.
 
„So vui Oscars gibt`s gar net, als ich verteiln müsst“, meinte er zu der Festveranstaltung vom 27. Juli 1984, die man anlässlich seines 70. Geburtstags in der Aula veranstaltete. Am nächsten Tag berichtete die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift: „Blasiusvon seiner Schule gefeiert“ begeistert über die zahlreichen Programmdarbietungen, die einer Festansprache des bayerischen Mundartdichters Dr. Helmut Zöpfl folgten.
 
 
Sigi Sommer am Eingang zur Schule (1964)
      


 
 
In den Jahren 1994 bis 1999 wurde der gesamte Schulkomplex einer ca. 40 Millionen DM teuren, aber auch sehr gründlichen Generalsanierung unterzogen.
 
Zwei komplette Umzüge von Klassenzimmer zu Klassenzimmermussten bewältigt werden und nicht selten war der Unterricht von unangenehmen Bohr- und Schlaggeräuschen begleitet. Aber das Ergebnis der aufwändigen Bauarbeiten konnte sich sehen lassen: Die ursprüngliche ornamentartige Innenbemalung der Schulflure und Treppenaufgänge erstrahlte in neuen Farben. Fenster und Türstöcke wurden originalgetreu nachgebaut. Eine neue Aula mit Bühne, Scheinwerferanlage und Mischpult entstand nun im Parterre, die seither von allen Einrichtungen des Hauses regelmäßig benützt wird.
 
Seit dem Frühjahr 2000 wuchs auf dem Rasen des Gotzinger Platzes ein skurriles Holzgestell in die Höhe, das sich bald – mit Kupferblech verschalt – als eine neobarocke Doppelzwiebel entpuppte. Erstellt wurde sie nach originalen Bauplänen und aufgefundenen Fotos aus den städtischen Archiven. Am 28. Juni 2000 hob ein gigantischer Spezialkran die 12 m hohe und 18 Tonnen schwere Jugendstilhaube auf den Turm. Der „Hebauf“ wurde von einem Bläserquartett musikalisch feierlich umrahmt, während die Schulkinder das nicht alltägliche Schauspiel staunend beobachteten.
 
Somit war der Turm nicht nur wieder „unter der Haube“, sondern die ganze Schule wieder eine „Sehenswürdigkeit“, wie die Süddeutsche Zeitung am nächsten Tag feststellte.
 
Am 18.07.2000 feierten Grund-, Haupt- und Realschule, sowie Kindergarten und Hort mit Bürgermeisterin Gertraud Burkert das Ende der über ein halbes Jahrzehnt dauernden Baumaßnahmen, die mit der Wiederherstellung der Doppelzwiebelhaube ihren krönenden und endgültigen Abschluss gefunden hatten.
 
 
Seither bereichert die Gotzingerschule wieder wie eh und je das Sendlinger Stadtbild. Darüber hinaus erfüllt das Schulhaus gelegentlich eine weitere Funktion - als prächtige Kulisse bei Dreharbeiten für Film und Fernsehen.
 
 
 
 
 
Mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung des Münchner Stadtarchivs (Recherchen und Fotos zur Baudokumentation bzw. zum Wiederaufbau)
und der Edition Schulz, München (Foto: Sigi Sommer);
Text: Klaus Wohlmann
 


 

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